Augustiner - Nr. 11 - August 2018

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

vielleicht ist der Titel „Genuss", unter dem die elfte Ausgabe des „Augustiner" steht, auf den ersten Blick seltsam bis verwirrend. Warum also eine ganze Ausgabe zum Thema Genuss? Wenn ich provozieren wollte, dann würde ich sagen: weil viele von denen, die um den Redaktionstisch saßen, in ihrer katholischen Erziehung gesagt bekommen haben: das ist verboten! Genuss - das war (ja, teilweise ist es wohl immer noch so) nicht vorgesehen in einer streng katholischen Sicht auf die Welt. Da waren eher Verzicht, Zurückhaltung und mindestens Bescheidenheit und Mäßigung die prägenden Werte. Und zur Emanzipation aus dieser Erziehung und dieser eher genussfeindlichen Umgebung gehört eben dazu, dass jetzt Genuss eine positive Wertung, einen  Beigeschmack nicht nur des Erlaubten, sondern sogar einen Klang des Schönen bekommt.

Ja, Genuss ist wirklich – und auch ohne diesen Affekt gegen die Erziehung, die wir „genossen“ haben – etwas Positives und hat zunächst einmal, so wie ich es verstehe, gar nichts mit Luxus zu tun. Oder was ist daran Luxus, im Frühling durch die Felder zu gehen und die aufbrechende Natur, den Duft nach Leben und das Wachsen zu genießen? Es kann kein Luxus sein, wenn ich durstig bin, einen frischen Schluck Wasser zu genießen. Ja, es ist ein Privileg, an dem viele Menschen auf dieser Welt nicht teilhaben können, weil sie keinen Zugang zu frischem, sauberem Wasser haben. Es schmerzt, dass Menschen dieser einfache und grundlegende Genuss verwehrt bleibt. Und dennoch kann ich diesen tiefen Schluck Wasser ohne schlechtes Gewissen genießen. 

Manche verbinden Genuss spontan mit edlen Dingen: guten Weinen, Champagner, feinem Essen, Trüffel, Fleisch und reich gedeckten Tischen. Ja, auch da kann ich genießen. Doch das sind außergewöhnliche, teilweise gar seltene Genüsse. Mir liegt näher, was ich genießen kann, wenn ich in meinen Alltag schaue. Ein Gespräch, Bilder, Musik, Natur, Körpererfahrungen und Sport – Genüsse so nah und so klar, dass ich sie manchmal sogar übersehen kann. Und erst wenn ein Gast gegangen ist, merke ich: ach, ja, das war jetzt schön. Wenn die Töne der Orgel verklingen und ich durch die Stille wieder in die Wirklichkeit komme, spüre ich, welchen Genuss ich hatte. Wenn am Karfreitag am Ende der still ausklingenden Liturgie – und bei so manch anderer Gelegenheit in unserer Kirche – Menschen einfach noch in Stille Verharren, nicht weil sie noch auf was warten würden, sondern weil nachklingen muss, was gerade war und wird – das ist Genuss.

Und wie beim Wasser, das ich einfach so nehmen und trinken kann, ist auch dieser Genuss so selbstverständlich, sind viele Genüsse so selbstverständlich, dass es wichtig wird, mal darüber zu sprechen oder zu schreiben. Darum haben wir uns entschlossen, ein ganzes Heft dem Thema „Genuss“ zu widmen. Nicht nur, aber auch, um uns selbst wach machen zu lassen für die vielen kleinen und großen Genüsse um uns herum. Schließlich ist es gut, zu genießen, und es tut gut, bewusst zu genießen. Da ist nichts, was dem entgegenstünde. Und vielleicht ist ja auch der eine oder Artikel oder Beitrag dieses Heftes ein Genuss für Sie. Ich wünsche Ihnen auf jede Fall auch im Namen des Redaktionsteams viel Freude beim Lesen.

P. Lukas OSA

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