Augustiner - Nr. 13 - August 2019

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Balance – auch das noch! Nicht nur, dass es mich wieder einmal erwischt hat, das Vorwort zu schreiben, sondern auch noch zu diesem Thema, das mich von Kindesbeinen an verfolgt! Denn ich muss gestehen, Balance ist überhaupt nicht meine Sache.

Während andere Kinder sich vergnügt auf Skateboards, Rollschuhen oder im Winter auf Schlittschuhen fortbewegten, tappste ich ungelenk, wie ich damals schon war, nebenher und konnte beim besten Willen nicht verstehen, wie die das schaffen, nicht permanent auf den Hintern zu fallen. Dass ich überhaupt das Fahrradfahren gelernt habe, ist für mich immer noch ein Wunder. Die Erinnerung an das Geräteturnen beim Schulsport bringt noch heute Schweißperlen auf meiner Stirn hervor. Ja, es wäre so cool gewesen, wenn ich mich auf einem Skateboard hätte fortbewegen können – das gelang mir leider nur in der virtuellen Welt.

Aber nicht nur das motorische Gleichgewicht zu halten fällt mir schwer. Wenn ich mein Leben so anschaue, neige ich eher zu einer ›dialektischen‹ oder ›oszillierenden‹ Lebensweise, mal in die eine Richtung driftend, dann wieder in die entgegengesetzte: Mit großer Begeisterung studierte ich das vermeintlich nutzlose Fach Soziologie und bewegte mich vorwiegend in abstrakten – manchmal auch abstrusen – Gesellschaftstheorien. Damals war meine Idealvorstellung eines ›geglückten Lebens‹, mich in Bibliotheken und an der Uni aufzuhalten. Heute finde ich mich in einem völlig entgegengesetzten Lebenskonzept wieder: Morgens klingt jetzt oft das Telefon, und irgendetwas im Haus ist kaputt, oder es gibt irgendein Problem mit irgendetwas. Ich kann die Geräte nicht reparieren, aber eine meiner Aufgaben ist, mich darum zu kümmern, dass dies geschieht. Ich plane Arbeiten, suche mit Kollegen und Mitbrüdern zusammen nach der rationellsten und effizientesten Lösung für Probleme, verlege in unserer Kirche Kabel und baue Scheinwerfer auf, programmiere Lichtsteuerungen und bediene Kameras. Die Welt der Bücher und der vita passiva ist in meinem Leben durch die vita activa verdrängt – wie es wohl in den meisten Leben der Fall ist. Bücher habe ich zu einem großen Teil gegen den Bildschirm getauscht, die Textwelten gegen Bilderwelten.

Was die sog. ›Work-Life-Balance‹ angeht, bin ich ebenfalls ziemlich schlecht im Balancehalten, denn was ich mache, mache ich meistens sehr gerne. Auch wenn das Weiterentwicklen immer mühsam ist und ich meistens doch nicht mit meinen graphischen Arbeiten zufrieden bin, kann ich einfach nicht die Finger davon lassen. Bis in die Nacht an Projekten zu arbeiten, wenn eine Deadline bevorsteht, empfinde ich durchaus als eine belebende Erfahrung – auch wenn meine Umwelt das etwas anders sieht. Dass ich dann auch wieder tagelang in Lethargie verfallen kann, empfinde ich dann als notwendigen Ausgleich.

Also kurz: Auch wenn alle immer alles ausgeglichen haben wollen, mag ich doch mehr die Schieflage. Dieses Phänomen finde ich in unserer Gegenwartskultur immer wieder bestätigt: Die Freaks, die Nerds oder auch die Geeks haben ihren Platz in den Fernsehserien und Lebenswelten der Postmoderne gefunden. Die »Big Bang Theory« ist nur ein Beispiel hierfür. In den westlichen Gesellschaften sind Kulturen entstanden, die das Exzentrische – das, was eine Schräglage hat – betonen und als gut bewerten: Der gesellschaftliche Normierungsdruck ist – zumindest im Vergleich zu den 1960er Jahren – signifikant zurückgegangen. Es soll heute vorkommen, dass sogar Bänker Tätowierungen haben. Schaue ich in meine Umwelt, entdecke ich viele Menschen, die irgendeine ›Schräglage‹ haben.

Dass das Schräge nicht nur sympathische Züge hat, sondern auch leicht ins Pathologische abdriften kann, liegt auf der Hand. Wenn ein Mensch nicht mehr genug Stabilität in sich und seiner Umwelt findet, kann er sich nur noch schwer an die Umwelt anpassen – die Schräglage droht in einem Schiffbruch zu enden.

Die Dynamik scheint auf den ersten Blick das Übel zu sein, das die Balance gefährdet. Manche Menschen bevorzugen daher, den Wandel zu ignorieren oder möglichst aus ihrer geschützten Welt auszusperren – allerdings mit wenig Erfolg, zumindest in unseren turbulenten Zeiten. Der technologische und wirtschaftliche Wandel zerstört Berufe und Lebensmuster. Diese Disruption scheint sich immer schneller zu vollziehen. Die Kosten sind hoch – und erfordern neue Strategien. ›Balance‹ dem ›Wandel‹ entgegenzustellen, scheint nicht hilfreich. Balance ist vielmehr ein permanentes, anstrengendes Geschäft, das eigentlich nie erledigt ist. Balance ist dann das Ideal, ›dynamische Stabilität‹ das realistisch Erreichbare.

Die Artikel in diesem Heft tragen diesem Gedanken Rechnung: Von der Graphik einer Seiltänzerin ausgehend, leitet Wolfgang Jokisch mit seinem Leitartikel unsere Erkundungen ein. Der Gymnasiallehrer Harry Hirsch schreibt über seine Leidenschaft Jonglage. P. Lukas macht sich Gedanken über den Ausgleich in der Ausübung von Leitung – ein Thema, das ihn als neuer Provinzial beschäftigt. Dorothea Maiwald-Martin thematisiert die Wichtigkeit von Balance in Beziehungen. Dass unser tatsächliches Kloster-leben von der Idealvorstellung abweicht, macht P. Dominik in seinem Artikel zum Thema. Wu-nibald Müller widmet sich menschlichen Krisen und der Fähigkeit, weiterzumachen, Stärke zu finden, das Gleichgewicht wieder herzustellen. Br. Christian macht sich auf »kühne Höhenwege« und balanciert der Regel des hl. Augustinus entlang.

Auch bei uns Augustinern ist einiges in Bewegung, das Anpassungsleistungen erfordert. Darüber informiert ein Bericht über unser diesjähriges Provinzkapitel; P. Alfons hält Rückschau auf die vergangenen acht Jahre als Provinzial, und P. Lukas blickt auf die kommenden vier Jahre seiner Amtszeit voraus. Br. Marcel berichtet über seine Erlebnisse und Eindrücke in der Demokratischen Republik Kongo, einem Land, das weit davon entfernt ist, annähernd verlässliche und stabile Lebensbedingungen für seine Bürger bereitstellen zu können.

Zusammen mit allen Autoren wünsche ich Ihnen eine interessante Lektüre!

Br. Carsten

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