Augustiner - Nr. 14 - April 2020

Ein Wort voraus

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Sie halten eine fast gänzlich Corona-freie Ausgabe unseres AUGUSTINERs in Händen. Als wir diese 14. Ausgabe unserer Zeitschrift planten und nach und nach die Beiträge dazu eintrafen, hat niemand auch nur geahnt, dass es dieses Virus gibt, das uns die Corona-Pandemie beschert. Beeinflusst hat es diese Ausgabe aber schon. Weil alles ganz schnell irgendwie anders war und vieles dadurch wichtiger wurde, hat sich das Erscheinen verzögert. Wir hoffen, dass die Beiträge zum Thema »Entrümpeln« auch unter den jetzigen Bedingungen auf Ihr Interesse stoßen, und hoffen, dass wir so ein bisschen ›Normalität‹ darstellen können. Außerdem möchten wir mit dieser Ausgabe auch deutlich machen: Uns ist der Kontakt zu unseren Leserinnen und Lesern wichtig. Gerne möchten wir auch einen Teil dazu beitragen, dass in diesen Tagen und Wochen mal was anderes Thema sein kann als Corona, Quarantäne und Ausgangsbeschränkungen. Wir wünschen Ihnen viel Spaß, Freude und Ablenkung beim Lesen. Seien Sie behütet und bleiben Sie gesund!

 

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

ich mag das Wort »Entrümpeln« so überhaupt gar nicht. Warum eigentlich? Entrümpeln ist für mich irgendwie negativ besetzt. Es setzt voraus, dass es etwas gibt, das es loszuwerden gilt bzw. das loszuwerden eine gesetzte Norm zu sein scheint. Doch wer setzt diese Norm, was wegzuschmeißen ist? Hängt klösterliche Armut immer mit Materiellem zusammen? Oder hat Armut heute nicht vielleicht auch mehr eine psychische Dimension, sich als Mensch seiner Begrenzungen und seiner Verwundbarkeit bewusst zu sein?

Beim Blick auf die Etymologie des Wortes wird deutlich, warum ich zuerst eine Abneigung gegen dieses Wort habe. Im 16. Jahrhundert entwickelte sich aus dem mittelhochdeutschen Wort »gerumpel, gerümpel« – was so viel heißt wie »Getöse« und »Gepolter« – die Bedeutung »alter Hausrat«. So mancher hat die Erfahrung gemacht, dass etwas unter Gepolter zusammenbricht, und dass dieser kaputte Gegenstand dann entsorgt werden muss, steht dann doch außer Frage. enstand dann entsorgt werden muss, steht dann doch außer Frage. Im gleichen Jahrhundert entwickelt sich aber auch eine lautliche Trennung in »Gerumpel« und »Gerümpel«, also in »polternden Lärm« und »alten Kram«, was sogar »wertloses
Zeug« meint. Dem folgt im 20. Jahrhundert die Neubildung des Verbs »entrümpeln«. So alt ist das Wort Entrümpeln also noch gar nicht.

Bernhard Spielberg führt uns mit seinem Leitartikel zu Verlusterfahrungen in der Kirche zum Thema »Entrümpeln« pastoraltheologisch hin. Er zeigt, wie schwer – aber auch wie notwendig – es erscheint, Freiräume in Kirche(n) zu schaffen. Spielberg belegt, dass es Trauerarbeit zu leisten gibt: Verluste an Macht, Autorität, Resonanz und Kontrolle gilt es in Kirche zu betrauern. Gleichzeitig sind es notwendige Verluste, die Freiräume schaffen, in denen Beziehungen möglich sind, die weniger gefährdet sind durch Missbrauch und Übergriffigkeit.

P. Dominik lädt uns ein, über den prominenten Satz der Augustinusregel nachzudenken: »Besser, wenig nötig zu haben als viel zu besitzen.« Mit einem persönlichen biographischen Zugang, wie wir ihn von Dominik kennen, führt er uns ein in die Dialektik von Leben-Wollen und Loslassen.

Der Architekt Clemens Pollok zeigt Veränderungen auf, die der Umbau der Wallfahrtskirche  Maria Eich mit sich gebracht hat. Dadurch wird deutlich, dass Neues Raum und Zeit in Anspruch nimmt.

Sr. Beate Krug nimmt den ökologischen Umbau im Kloster Oberzell in den Blick und denkt damit die Enzyklika Laudato si’ von Papst Franz konkret weiter.

Sr. Mirjam Schambeck und Sr. Elisabeth Wöhrle zeigen uns, welche Bedeutung dem Minimalismus in unserer Gesellschaft zukommen kann.

P. Alfons führt uns die Realität des Todes und Abschieds vor Augen, wenn er beschreibt, wie das »Entrümpeln« bei einem Todesfall aussieht.

P. Lukas spricht mir aus dem Herzen, wenn er die Sammelleidenschaft zum Thema macht und dem Entrümpeln entgegenstellt. Er zeigt auf, was wir von Sammlern lernen können, die den Dingen einen Wert beimessen und sich freuen können an den Dingen.

Br. Marcel und Br. Peter geben uns einen Einblick in das Zwischenkapitel unserer Brüder im Kongo. Dabei zeigen sie auf, wie wichtig Hilfe zur Selbsthilfe und die Förderung von Autonomie vor Ort ist und wie wir diese Ziele durch den Bau von Gesundheitszentren und Bildungseinrichtungen sowie durch landwirtschaftlich geprägte Projekte gemeinsam erreichen möchten.

Am Ende finden Sie einen bunten Blumenstrauß an Nachrichten und kurzen Berichten aus unserer Ordensprovinz. Auch ein Blick auf unsere lieben Verstorbenen darf nicht fehlen. Damit möchten wir, wie Br. Dominik in seinem Artikel schreibt, das Leben einsammeln, »lauter kleine Fragmente gelebter Vergangenheit«, von denen wir uns alle schwerlich trennen können.

Öffnen wir die Vitrinen unseres Herzens, entrümpeln wir, was uns hindert, offen zu sein und Platz zu haben für andere Menschen und für den großen Anderen – Gott. Aber halten wir auch daran fest, woran unser Herz hängt, und möge es noch so verstaubt sein!


Ihr Br. Damian OSA

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