nimm und lies

Kirchenblatt der Würzburger Augustiner
Nr. 287 - Ende November 2019 bis Mitte Januar 2020

Ich willl, dass ihr in Panik geratet

Im August 2018 saß sie zum ersten Mal mit einem handgemalten Schild vor dem schwedischen Parlament. Damals war Greta Thunberg noch allein. Heute, nur ein gutes Jahr später, gilt ihre Protestbewegung »Fridays for future« als die größte Jugendbewegung weltweit.

Sie mobilisiert die Menschen nicht mit schönen Versprechungen, sondern mit erschreckenden Botschaften. Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos ver-suchte Greta es erst gar nicht mit werbenden Worten, sondern sie schockierte die Anwesenden mit einer klaren Ansage: »Ich möchte, dass ihr in Panik geratet. Ihr sollt die Angst spüren, die ich jeden Tag spüre. Und ich möchte, dass ihr handelt. Dass ihr so handelt wie in einer Krise. Ich möchte, dass ihr so handelt, als wenn unser Haus brennen würde. Denn es brennt bereits.«


Wie eine zornige Prophetin steht die zierliche Schwedin ohnmächtig machtvoll mit ihrer Botschaft inmitten einer Welt, die sie am liebsten auf den Kopf, oder besser: auf die Füße stellen will. Wann endlich regieren nicht mehr nur Gewinnmaximierung und wirtschaftliches Wachstum unser Zusammenleben, sondern das Streben nach mehr Gerechtigkeit und die Achtung vor unserer Schöpfung? Wann endlich wird so verantwortlich gewirtschaftet, Politik betrieben und gelebt, dass unsere natürlichen Lebensgrundlagen nicht weiter zerstört werden?

Greta Thunberg ist für mich eine adventliche Gestalt. Sie predigt wie die einsame Ruferin in der Wüste und sie droht mit dem Untergang wie so manches adventliche Evangelium vom Endgericht.

Schaut man auf die biblischen Texte der kommenden Wochen, erlebt man dort alles andere als vorweihnachtliche Wohlfühlstimmung. Der Adven ist eine beunruhigende Zeit, über der wie eine Gewitterwolke die energiegeladene Frage schwebt: Wann endlich wird diese Welt besser?

Die Panik, die so mancher Text verbreitet, will nicht lähmen, sondern aufrütteln und zum Handeln bewegen. Advent ist nicht die Zeit des passiven Abwartens, sondern des erwartenden aktiven Handelns.

Das Warten auf die Wiederkunft Christi meint nicht weniger als die ungeduldige Erwartung einer neuen Weltordnung der Mitmenschlichkeit, der Gerechtigkeit und der Achtung vor der gesamten Schöpfung. Adventlich zu leben kann manchmal auch bedeuten: wenigstens für einen Moment die Angst spüren, die viele Menschen tagtäglich spüren. So handeln, als ob unser Haus brennen würde. Denn für viele brennt es bereits. In Panik geraten, damit die Welt endlich besser wird. Einem ohnmächtigen Kind zutrauen, dass es die Macht hat, die Verhältnisse zu verändern.

Burkhard Hose, Hochschulpfarrer

 

Unser "nimm und lies"  erscheint etwa vier bis fünf Mal pro Jahr (themengebunden).

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