nimm und lies

Kirchenblatt der Würzburger Augustiner
Nr. 224 -Januar/Februar 2012

Niemand flieht freiwillig!

Die Gründe seine Heimat zu verlassen sind vielfältig und oft die Folge blanker Not oder der Angst um das eigene Leben. Menschen fliehen, weil sie nicht in einer Diktatur leben wollen, weil ihnen Verhaftung und Folter drohen oder weil ganze Völker einer Hungersnot ausgesetzt sind. Die Flucht in eine ungewisse Zukunft ist oft der letzte Ausweg. Niemand flieht freiwillig.
Stellen Sie sich nun folgende Szene bei einer Erstanhörung im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Zirndorf vor. Diese Anhörung entscheidet wesentlich darüber, ob ein Asylantrag Aussicht auf Erfolg hat oder ob es zu einer Abweisung kommt.
Einer dreiköpfigen Familie ist die Flucht in einen sicheren Staat wie die Bundesrepublik Deutschland gelungen. Als Fluchtgrund gibt der Vater der Familie eine latente Eifersucht des Staatsführers seines Heimatlandes an. Auf die Frage des Sachbearbeiters, wie sich denn diese Eifersucht beweisen ließe, teilt der Vater mit, dass ihm des Nachts ein Engel im Traum erschienen sei und ihn aufgefordert habe, mit seiner Familie Asyl zu beantragen. Ansonsten würde sein neugeborener Sohn von dem Despoten umgebracht werden.
Was glauben Sie wohl, wie der Sachbearbeiter des Bundesamtes entscheiden würde? Mit großer Wahrscheinlichkeit käme es zu einer Ablehnung des Asylantrages und zu einer raschen Abschiebung der Familie in ihr Heimatland. Diese Sorge um das Leben eines Babys hätte nach der deutschen Asylpraxis keine Aussicht auf Erfolg, schon gar nicht mit solch einer Begründung.
Ganz anders zu der Zeit der Geburt Jesu. Im Matthäusevangelium wird nämlich genau dieser Fall beschrieben. Ein Engel erscheint Joseph im Traum und fordert ihn auf, nach Ägypten zu fliehen. Währenddessen lässt der Herrscher Herodes alle männlichen Kleinkinder in Bethlehem aus Sorge um den Machterhalt umbringen. Erst nach dem Tod des Despoten können Joseph, Maria und Jesus in ihre Heimatstadt zurückkehren.
Die Heilige Familie hat in ihrer Not Schutz und einen sicheren Ort gefunden. Die Bibel spricht nicht davon, dass eine Behörde ein Asylantragsverfahren eingeleitet hat und die Familie von einer Rückführung in ihr Heimatland bedroht ist. Von solch einer Asylpraxis können Menschen, die es bis nach Deutschland geschafft haben, heute nur träumen. Der Umgang mit Asylbewerbern ist hierzulande von einem Klima des Misstrauens geprägt. Es gibt keine Kultur des Willkommenseins und niemand bietet den oft misshandelten Menschen einen Ort an, wo ihre geschundenen Seelen zur Ruhe kommen können.
Am Beispiel der Heiligen Familie sollten wir dringend unsere derzeitige Asylpraxis überdenken und beginnen, Menschen auf der Flucht mit Würde und Achtung zu begegnen. Dazu gehört sicherlich, dass alle Menschen das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben haben sollten. Egal, ob sie hier geboren sind oder sich auf den Weg zu uns begeben haben.
Lassen Sie uns anfangen, menschlich und warmherzig mit unseresgleichen umzugehen!

 Br. Jürgen Heß OSA



 

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