nimm und lies

Kirchenblatt der Würzburger Augustiner Nr. 288
- Mitte Januar bis Mitte Februar 2020

»So this is the new year and I don ́t feel any different« Death Cab for Cutie

Liebe Leserinnen und Leser,
wie sind Sie in das Neue Jahr hineingekommen? Fühlt es sich für Sie »neu« an? Oder teilen Sie eher die Worte der Überschrift, die einem Musikstück einer meiner Lieblingsbands »Death Cab for Cutie« entnommen sind? In dem Song »New Year« besingt der Frontmann der Gruppe Benjamin Gibbard in geübt melancholischer Selbstschau das Gefühl, dass der Silvesterabend ein Versprechen macht, dem er jedoch nicht traut, auch wenn er das gern täte – zu schwer wiegt die Erfahrung, dass im »Neuen Jahr« nicht wirklich viel »Neues« ist, die Probleme eben nicht verschwunden sind und der neue Start immer aus der letzten Position des alten Jahres erfolgt.

Ich frage mich jedes Jahr, was eigentlich so toll am »Neuen Jahr« ist, warum ich erst innehalten und dann auch noch feiern soll. Zwar kann ich mir sagen, dass das schon alleine wegen des Kalenders so sein muss, dass das alles eine Widerspiegelung der Rotation der Erde um die Sonne ist, dass sich hierin der Zyklus der Natur ausdrückt mit seinen – zumindest in unseren Breitengraden – wechselnden Jahreszeiten. Aber mal ehrlich, würden wir viel verpassen, wenn es kein Silvester gäbe, keine Knallerei, kein Anstoßen mit Sekt? Würde im »Neuen Jahr« alles auf Null gesetzt werden, wären alle Probleme verschwunden, ja, das wäre etwas anderes. Aber so ist Silvester immer ein wenig wie eine Pflichtübung, die mehr verspricht, als sie zu halten vermag.

Schaue ich auf gesellschaftliche Probleme, werden diese nicht so schnell verschwinden: Rechtsradikalismus, Gefährdung und die Aushöhlung der Demokratie durch digitale Massenmanipulation oder Populismus, Bürgerkriege, Vertreibungen in großem Stil, systematische Gewalt gegen Bevölkerungsgruppen überall auf der Welt, globale Umweltprobleme – die Liste lässt sich beliebig erweitern. Einfache Lösungen hierfür gibt es nicht. Nicht nur die »großen« Problemlagen werden uns weiter beschäftigen – sondern die vielen manchmal kleinen, manchmal sehr großen Sorgen, die wir schon so lange mit uns mitschleppen. Es wird auch im »Neuen Jahr« so bleiben – das wissen wir alle.

Und doch kann ich mich der Faszination von Silvester und dem »Neuen Jahr« nicht entziehen – nicht so sehr als Höhepunkt des Jahres oder als Punkt der Neuausrichtung (die lieben guten Vorsätze!). Der Song von »Death Cab for Cutie« endet mit einer Sehnsucht – einem Sehnen nach einer einfacheren Welt, dem Durchbrechen der Isolation, dem Ende der Tristesse und des oft stummen Leidens und Schmerzes – wenn man so will, mit dem Sehnen nach einem »Neuen Jerusalem«, der von Gott verheißenen Vollendung der Welt.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen mit meinen Mitbrüdern ein frohes Neues Jahr.

 

Br. Carsten OSA

 

 

Unser »nimm und lies«  erscheint etwa vier bis fünf Mal pro Jahr (themengebunden).

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