nimm und lies

Kirchenblatt der Würzburger Augustiner
Nr. 272 - Mitte August bis Mitte Oktober 2017

"Nachsommer"

Liebe Leserinnen und Leser,

Der Hochsommer ist bald vorüber! Dies lehrt uns ein Blick in den Kalender und dies bestätigt uns ein Blick ins Freie, wo die Tage schon wieder kürzer werden. Selbst wenn die Schulkinder und die LehrerInnen der Region gerade jetzt den Höhepunkt des Sommers erleben – ich rede natürlich von den schier endlosen Sommerferien –, kündigt sich im Längerwerden der Nächte bereits das Ende der heißen und heißgeliebten Jahreszeit an: Der Sommer wandelt sich unaufhaltsam zum Spätsommer und zum Nachsommer.

›Nachsommer‹ – so lautet auch der Titel eines der bekanntesten Romane des 19. Jahrhunderts. Der Autor Adalbert Stifter, Vertreter des literarischen ›Realismus‹, verwendet diese Jahreszeit jedoch keineswegs ausschließlich als Metapher für ›Abschied‹ und ›Melancholie‹, sondern vor allem im Sinn von ›Milde‹ und ›Reife‹. Das Leben der Hauptfiguren des Romans, ein nicht mehr ganz junges Liebespaar, glänzt nicht in der gleißenden Grelle des ›Hochsommers‹, sondern schimmert und entfaltet sich im warmen Licht des ›Nachsommers‹.

Vor diesem Hintergrund erscheint es nicht unpassend, dass wir das Hochfest des Hl. Augustinus Ende August begehen, also just im ›Nachsommer‹. Sein Ehrentag am 28. 8. bezeichnet ja ohnehin nicht sein Geburts- oder Tauf-, sondern sein Sterbedatum: die Aufnahme seiner ›gereiften‹ zeitlichen Existenz in die Ewigkeit Gottes.

Ob nicht auch der spätantike Kirchenvater selbst – so meine Vermutung – ein Freund des ›Nachsommers‹ war? Zum einen atmete er sicherlich Jahr für Jahr aufs neue auf, wenn die Hitze des nordafrikanischen Hochsommers vorüber war. Zum anderen passt die Zeit der länger werdenden Schatten und des gedämpfteren Lichtes auch zu seinem Lebensgefühl und Weltverständnis: Für ihn stellen sich Existenz des Einzelnen und Verlauf der Geschichte als ein Zugleich von ›Werden› und ›Vergehen‹, von ›Hell‹ und ›Dunkel‹ dar – darin dem Daseinsverständnis des biblischen Buches ›Kohelet‹ verwandt, in dem es (Kap. 3, Verse 1-6) fast schon sprichwörtlich heißt: «Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; ... weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit; ... suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit».

Dass jegliches seine – endliche – Zeit und Berechtigung hat, empfindet und lehrt Augustinus auch im Blick auf die menschliche Seele und ihre Spiritualität. Es gibt den ›Hochsommer‹ der Sinn- und Glückserfahrung, doch es gibt ebenso den ›Herbst‹ des Alltags und den ›Winter‹ des Leidens und der Niedergeschlagenheit. Gepriesen der Mensch, der die köstlichen, aber seltenen Augenblicke höchster Erfüllung in einer Art ›Nachsommer‹ der Seele zu bewahren, zu erinnern und seinen Mitmenschen zu vermitteln vermag!

In den ›Confessiones – Bekenntnissen‹ zeichnet Augustinus exemplarisch den ›Aufstieg‹ seines eigenen ›Ich‹ nach, das sich in besonders begnadeten Momenten zu erleuchteter, nachgerade ›blendender‹ Gotteserfahrung aufschwingt, um danach – den Aufschein von Seligkeit im Gedächtnis – in die ›Niederungen‹ des täglichen Daseins und seiner Aufgaben zurückzukehren und den Nachschein göttlicher Liebe in das Zwielicht und die Finsternisse der Welt strahlen zu lassen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und Ihren Lieben einen segensreichen ›Nachsommer‹ – im Zeichen von Augustinus oder aber, je nach spiritueller und literarischer Vorliebe, im Zeichen von Johann Wolfgang von Goethe: «Auch das ist Kunst, ist Gottes Gabe / aus ein paar sonnenhellen Tagen / sich so viel Licht ins Herz zu tragen / dass, wenn der Sommer längst verweht / das Leuchten immer noch besteht».

Eine gesegnete Zeit wünschen Ihnen Ihre Augustiner und mit dabei

Ihr Christof Müller
Zentrum für Augustinus-Forschun an der Universität Würzburg

Unser "nimm und lies"  erscheint etwa vier bis fünf Mal pro Jahr (themengebunden).

Eine aktuelle Ausgabe kann hier heruntergeladen werden: nul_2017_05 (484 KB)

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