nimm und lies

Kirchenblatt der Würzburger Augustiner Nr. 292
 - Mitte August bis Anfang Oktober 2020

Lieben Sie Musik?

Liebe Leserinnen und Leser,

 lieben Sie Musik? Ich meine nicht die, die allerorten Lautsprechern entströmt und der man/frau sich im Alltag kaum entziehen kann. Ich denke da vielmehr an Musik, die mich packt und in Bann schlägt, die mich ganz präsent und aufmerksam werden lässt, die mich emotional anspricht, manchmal auch anrührt, die mich vielleicht den Takt beschwingt mit einem Bein mitwippen lässt, und die mich einfach immer wieder in eine positive Atmosphäre zu versetzen vermag. Das erlebe ich hin und wieder, wenn ich mit anderen Menschen in der Fußgängerzone stehen bleibe, die übliche Geschäftigkeit für einen Moment vergesse und mich von dem Straßenmusiker und seiner Musik angesprochen fühle. Das erlebe ich bei Konzerten großer Orchester in Konzertsälen. Das erlebe ich auch immer wieder bei kleinen und großen Konzerten in unserer Kirche.

Auf all das aber musste ich und mussten wir in den letzten Monaten wegen der Coronapandemie verzichten: Abgesagt wur den das Umsonst und Draußen Festival und der Hafensommer in Würzburg, aber auch Konzerte in unserer Kirche, auf die ich mich schon gefreut hatte. Umso schöner ist es, dass wir seit August wieder zu Musik und Meditation, zum Orgelpunkt und auch zum Würzburger Tastenspiel in der Augustinerkir che einladen können. Das freut mich, und angesichts der vielen Menschen, die kommen, auch andere! Lieben Sie Musik? Dann schauen Sie doch einmal vorbei, um den Klangraum Augustinerkirche zu genießen und für eine halbe Stunde einfach den Alltag zu vergessen.

Für mich und uns Augustiner ist der Monat August verbunden mit dem Hochfest unseres Ordensvaters Augustinus. Ob er auch Musik geliebt hat? Das ist tatsächlich der Fall. In Mailand lernte der gebürtige Nordafrikaner die Hymnen von Bischof Ambrosius und den von ihm eingeführten Psalmengesang kennen und schätzen. Von sich selbst sagt Augustinus: »Wie weinte ich bei den Hymnen und Gesängen auf Dich, mächtig bewegt vom Wohllaut dieser Lieder Deiner Kirche! Die Weisen drangen an mein Ohr, und die Wahrheit flößte sich ins Herz, und fromminniges Gefühl wallte über: die Tränen flossen, und mir war wohl bei ihnen« (Conf. IX, 6). So sehr sich Augustinus von den Hymnen und Gesängen emotional bewegt zeigt, so schwingt bei ihm, der dem Intellekt einen so hohen Stellenwert einräumt, auch immer eine gute Portion Skepsis der Musik und dem Gesang gegenüber mit. Denn sich durch die Musik so von Emotionen überschwemmt zu erleben, war für ihn mit dem Verlust der Kontrolle des Intellekts und der allem Irdischen enthobenen geistigen Welt verbunden. Als lebendiges und ganzheitliches Lob Gottes aber hatten für ihn die Musik und der Psalmengesang einen hohen Stellenwert. In einer Predigt sagt Augustinus: »Wir wurden (in Psalm 149,1) aufgefordert, dem Herrn ein neues Lied zu singen. Der neue Mensch kennt das neue Lied. Der Gesang ist Sache des Frohsinns, ja wenn wir es genauer betrachten, Sache der Liebe. Wer also das neue Leben zu lieben versteht, der versteht sich auch auf den Gesang des neuen Liedes. Was aber ist das neue Leben? Darüber nachzudenken zwingt uns das neue Lied. Denn alles bezieht sich hier auf das eine Reich (Gottes): der neue Mensch, das neue Lied, der neue Bund. Also: Der neue Mensch soll ein neues Lied singen und er soll dem neuen Bund angehören« (Predigt 34,1). Wenn deshalb die Kirchenmusik in der Augustinerkirche einen so hohen Stellenwert einnimmt und wir am Hochfest des heiligen Augustinus in der ersten und zweiten Vesper Hymnen und Psalmen singen und der Festgottesdienst vom Chor der Augustinerkir che mitgestaltet wird, dann ist das ganz im Sinne Augustins und seiner Wertschätzung von Musik und Gesang. »Singen ist Sache der Liebenden«, sagt Augustinus in Predigt 336,1, und welcher Mensch möchte nicht ein Liebender sein?

Ihr/ Euer P. Alfons 




Unser »nimm und lies«  erscheint etwa vier bis fünf Mal pro Jahr (themengebunden).

 Eine aktuelle Ausgabe kann hier heruntergeladen werden: nul_2020_292 (615 KB)