Orgel und Literatur
Drei Gedichte von Amichai und Orgel
Drei Gedichte von Amichai und Orgel

Nach Dantes Inferno im Dialog mit Max Regers Infernophantasie und Fuge im letzten Jahr erfährt unsere Reihe „Orgel & Literatur“ mit dem heutigen Abend nicht nur eine Fortführung, sondern auch eine Präzisierung. Heute geht es nicht einfach nur um Literatur – es geht um Gedichte! Nur: Warum ausgerechnet Gedichte?
Die Antwort auf diese Frage gibt am besten ein Gedicht, präzise und unumwunden formuliert vom Dichter Christoph Meckel. Er gab ihm den Titel „Rede vom Gedicht“.
Rede vom Gedicht
Das Gedicht ist nicht der Ort, wo die Schönheit gepflegt wird.
Hier ist die Rede vom Salz, das brennt in den Wunden.
Hier ist die Rede vom Tod, von vergifteten Sprachen.
Von Vaterländern, die eisernen Schuhen gleichen.
Das Gedicht ist nicht der Ort, wo die Wahrheit verziert wird.
Hier ist die Rede vom Blut, das fliesst aus den Wunden.
Vom Elend, vom Elend, vom Elend des Traums.
Von Verwüstung und Auswurf, von klapprigen Utopien.
Das Gedicht ist nicht der Ort, wo der Schmerz verheilt wird.
Hier ist die Rede von Zorn und Täuschung und Hunger
(die Stadien der Sättigung werden hier nicht besungen).
Hier ist die Rede von Fressen, Gefressenwerden
von Mühsal und Zweifel, hier ist die Chronik der Leiden.
Das Gedicht ist nicht der Ort, wo das Sterben begütigt
wo der Hunger gestillt, wo die Hoffnung verklärt wird.
Das Gedicht ist der Ort der zu Tode verwundeten Wahrheit.
Flügel! Flügel! Der Engel stürzt, die Federn
fliegen einzeln und blutig im Sturm der Geschichte!
Das Gedicht ist nicht der Ort, wo der Engel geschont wird.
Das Gedicht als Ort, wo der Engel nicht geschont wird,
das Sterben nicht begütigt,
der Hunger nicht gestillt,
die Hoffnung nicht verklärt,
der Schmerz nicht verheilt,
und die Schönheit nicht gepflegt wird.
Das Gedicht als Ort, wo die Wahrheit nicht verziert wird.
Gerade deshalb das Gedicht, weil es in komprimierter Form – kein Wort zu viel und keines zu wenig – ausspricht, was grundlegender Erfahrung des Lebens entspricht.
Wenn wir Augustiner heute Abend (und auch sonst) in unsere Kirche einladen, dann tun wir damit nichts anderes als dem Ort Rechnung tragen, an dem wir seit über 200 Jahren beheimatet sind. Es ist ein entscheidender Ort in der Stadt, einer der Frequentiertesten. Gerade dieser Ort, an dem täglich Tausende vorbei hetzen, zeigt, dass wir zeitlos geworden sind – keine Zeit mehr haben. Aber dieser Ort zeigt ebenso, dass Menschen zur Ruhe kommen wollen – und vielleicht ist das ja die vornehmlichste Aufgabe von uns Augustinern hier in Würzburg: Menschen mitten in der Hetze des Tages einen Ort der Ruhe anbieten. Die heutige Veranstaltung und die Reihe, in die sie eingebettet ist versuchen jedenfalls, dieses Vorhaben zu verstärken und uns allen Ruhe zu lehren.
Weil im Gedicht die Wahrheit am unverstelltesten ist, stellte sich noch die Frage, wessen Gedichte hier heute in den Dialog mit der Orgel eintreten sollten. Dass die Wahl auf Jehuda Amichai fiel liegt nahe, näher als wir vermuten. Denn nicht nur seine Würzburger Herkunft und die Tatsache, dass sein Werk zur Weltliteratur zählt, ja dass Amichai der bedeutendste zeitgenössische Lyriker Israels ist sprechen dafür, seine Gedichte zu lesen und zu hören. Vielmehr ist es eines seiner Gedichte über die Zeit und die Zeitlosigkeit, welches die Wahl auf ihn fallen ließ. Es wird das erste Gedicht sein, das sie nun gleich hören werden, ein Gedicht, das unserem Leben und diesem Ort hier wesentlich ist.
Dass dieser Abend gelingen kann verdanken wir zum einen Rudolf Müller an der Orgel: Konzertorganist - Frankfurter Schule, Kirchenmusiker in Mariannhill und Lehrauftrag am Matthias-Grünewald-Gymnasium. Rudolf Müller kannte Amichai persönlich, hat ihm vor mehr als 10 Jahren ein Orgelkonzert in Jerusalem gegeben. Die Werke, die er heute spielt, hat er anhand der Gedichte Amichais ausgewählt und verantwortet somit selbst das hohe Niveau und den Schwierigkeitsgrad des Programms.
Das Gelingen des Abends liegt zum anderen in den Händen – oder besser: in der Stimme – von Anne Simmering: Musikerin, Sängerin, festes Ensemblemitglied am hiesigen Mainfrankentheater und derzeit voll gefordert in der „Orestie“. Ohne Zögern hat sie das Angebot angenommen, in diesem Rahmen Gedichte von Amichai zu lesen.
Anne Simmering wird Amichais Gedichte jeweils zweimal vortragen, wobei dem ersten Vortrag einige Anmerkungen zum jeweiligen Gedicht folgen werden.
Es freut mich, dass Jehuda Amichai heute Abend auf diese Weise durch zwei Profis gewürdigt wird. Er hat es verdient – und wir auch.
Ein Mensch
Ein Mensch
hat in seinem Leben keine Zeit,
um
Zeit zu haben für alles.
Und er hat keine Gelegenheit,
um Gelegenheit zu haben
für alles, was er begehrt.
Kohelet war nicht im Recht,
als er so sprach.
Ein Mensch
muß hassen und lieben
in einem,
mit den gleichen Augen weinen
und mit den gleichen Augen lachen,
mit den gleichen Händen Steine werfen
und mit den gleichen Händen sie sammeln,
Liebe machen im Krieg
und Krieg in der Liebe,
und hassen und vergeben
und erinnern und vergessen
und ordnen und stören
und essen und verdauen,
was eine lange Geschichte
in sehr vielen Jahren anrichtet.
Ein Mensch
hat in seinem Leben keine Zeit.
Wenn er verliert,
sucht er.
Wenn er findet,
vergißt er.
Wenn er vergißt,
liebt er.
Und wenn er liebt,
fängt er an, zu vergessen.
Und seine Seele ist geübt darin.
Und seine Seele ist professionell dabei.
Nur sein Körper bleibt ein Dilettant
für immer.
Er macht Versuche und irrt,
er lernt nicht
und gerät in Verwirrung
– ein Trunkener und Blinder
in seinen Vergnügungen und in seinen Schmerzen.
Er wird
den Tod der Feigen im Herbst sterben
– geschrumpft
und voll seiner selbst und süß.
Die Blätter trocknen auf der Erde.
Und die nackten Zweige
zeigen bereits
auf den Ort,
wo es Zeit für alles gibt.
Jehuda Amichai
(aus dem Hebräischen von Karlheinz Müller)
Mag uns hier heute auch vieles unterscheiden – etwas haben wir wohl alle gemeinsam, nämlich: keine Zeit. Wir sind zeitlos.
Der Prediger, dessen Gedanken im Alten Testament unter den Schriften im Buch Kohelet gefasst sind, wäre hier anderer Meinung. Kohelet war davon überzeugt, dass „alles seine Zeit und jedes Projekt unter dem Himmel seine Gelegenheit hat.“ (Koh 3,1.2-8) Für ihn war klar, dass es für alles bestimmte Zeiten gibt und dass der ein Weiser ist, der weiß, was er zu welcher Zeit tut.
Kohelets Position ist mit unserem Zeitgefühl nicht vereinbar und Amichai bringt das mit seinem Gedicht ins Wort, in dem er dem Prediger ausdrücklich widerspricht. Und schon mit seinem programmatischen Eröffnungssatz „ein Mensch in seinem Leben“ signalisiert Amichai sein Misstrauen gegen die abstrakte, dem Leben enthobene Weisheit des Kohelet. Und Amichai tut noch etwas: Er rechnet seinem antiken Gewährsmann vor, dass der Mensch in einem „Körper“ existiere, der der schlechterdings entscheidende Maßstab für jede menschliche Erfahrung von Zeit sei. Es gibt keine Zeit, die abseits vom „sterbenden“ und „schrumpfenden“ und „austrocknenden“ Körper erlebbar sein könnte.
War der Prediger noch der Meinung, man könne der Zeitlosigkeit entrinnen, wenn man sich nur die Zeit nimmt, um die Zeiten nach ihren je mitgeführten Inhalten zu sortieren, so ist Amichai davon überzeugt, dass die angesichts des zunehmend verfallenden Körpers als immer drängender wahrgenommene Zeit vom Menschen verlangt, Unvereinbares gleichzeitig zu bewältigen:
Liebe machen im Krieg
Und Krieg in der Liebe,
und hassen und vergeben
und erinnern und vergessen …
Erst der Tod wird den Menschen aus dem Geschick der Zeitlosigkeit befreien. Und unnachahmlich vergleicht Amichai mit spürbarer Wärme und Eindringlichkeit den Sterbenden mit den „Feigen im Herbst“: auch der Sterbende sei „geschrumpft“, aber „voll seiner selbst und süß“. Unter der Hand wird klar, das Jehuda Amichai das wichtige Wissen vermitteln will, dass der Tod und das Sterben im Menschen heranwachsen müssen und dass es jedem Menschen anzuraten ist, seinen je eigenen Tod und sein je eigenes Sterben in sich heranwachsen zu lassen, um nicht eines Tages mit irgendeinem beliebigen Tod konfrontiert zu werden.
Was wir laut Amichai einsehen und aushalten müssen ist, dass Zeitlosigkeit letztlich zur condition humaine gehört. Und ich glaube wir alle wissen, dass er Recht hat.
Nach Auschwitz
Nach Auschwitz
gibt es keine Theologie mehr:
aus den Schornsteinen des Vatikan
steigt weißer Rauch empor –
ein Zeichen dafür,
daß die Kardinäle
sich einen neuen Papst gewählt haben.
Aus den Verbrennungsanlagen in Auschwitz
steigt schwarzer Rauch empor —
ein Zeichen dafür,
daß Gott noch immer nicht entschieden hat
über die Erwählung des erwählten Volkes.
Nach Auschwitz
gibt es keine Theologie mehr:
die Nummern auf den Unterarmen
der zur Vernichtung Gefangenen
sind Telefonnummern Gottes,
Nummern,
von denen keine Antwort kommt.
Und jetzt
haben sie die Verbindung verloren,
einer
nach dem anderen.
Nach Auschwitz
gibt es eine neue Theologie:
die Juden,
die in der Schoa starben,
sind jetzt
ihrem Gott ähnlich geworden,
der keinem Körper gleicht
und keinen Körper hat.
Jehuda Amichai
(aus dem Hebräischen von Karlheinz Müller)
Das Gedicht ist nicht der Ort, wo der Schmerz verheilt, wo die Wahrheit verziert wird. (C. Meckel)
Gerade um diese schonungslose Wahrhaftigkeit geht es Amichai und sie wird in diesem Gedicht deutlich.
Er war Jude. Anders als vielen anderen bescherte ihm und seiner Familie die Schoah allerdings keine Verluste. Dennoch litt er unter dem Schicksal. Schonungslos fragt er sie daher an, die jüdischen Theologen mit ihren s. E. unzulänglichen Versuchen, die Schoah zu erklären.
Die Erwählung des erwählten Volkes, wesentlicher Bestandteil jüdischer Zuversicht, ist für Amichai noch immer nicht entschieden. Die alte Theologie ist nicht in der Lage, die Schoah zu erklären, und Amichai fragt sich, ob es eine neue Theologie schaffen kann.
Sein Angebot am Ende, dass die Juden, die in der Schoah starben, ihrem Gott ähnlich geworden sind, der keinem Körper gleicht und keinen Körper hat, diese neue Theologie entstammt jedenfalls dem Denken des berühmtesten jüdischen Theologen und Philosophen des Mittelalters: RAMBAM – Rabbi Mosche ben Maimon. Dieser hielt im 12. Jahrhundert in seinen 13 Iqarim, seinen 13 Glaubensgrundlehren in Abgrenzung zu einem allzu wissenden Christentum mit seiner personalen und körperlichen Vorstellung vom dreifaltigen Gott fest: „Ich glaube mit vollkommenem Glauben, dass der Schöpfer, sein Name werde gepriesen, kein Körper ist, dass ihn körperliche Eigenschaften nicht erreichen und dass ihm keinerlei Gestalt zukommt.“
Jeder fromme Jude spricht heute noch täglich nach dem Morgengebet diese Sätze des RAMBAM. Und diesem Gott, der keinem Körper gleicht und keinen Körper hat, sind sie ähnlich geworden, die Juden, die in der Schoah starben …
Stunde der Gnade
Einmal dachte ich, daß es möglich sei, so zu einer Lösung zu kommen:
wie Menschen, die sich um Mitternacht an der Haltestelle sammeln,
um auf den letzten Bus zu warten, der nicht kommen will.
Anfangs wenige,
dann mehr und mehr.
Das war eine Chance, sich nahe zu kommen – der eine dem anderen
und alles zu verändern
und gemeinsam einen Anfang zu machen mit einer neuen Welt. Aber sie zerstreuen sich wieder.
(Die Stunde der Gnade verstrich, und sie wird nicht wiederkehren). Jeder
wird einzeln
zu seinem Weg gehen.
Jeder
wird einzeln
wieder zum Dominostein werden
– mit einer einzigen offenen Seite,
um für sich
ein neues Paßstück zu finden
in den Spielen,
die kein Ende haben.
Jehuda Amichai
(aus dem Hebräischen von Karlheinz Müller)
Jehuda Amichai ging mit einer unglaublichen Neugierde durchs Leben, immer auf der Suche nach einem Neubeginn. Und selbst oder gerade den Wartenden an der Bushaltestelle bietet sich seiner Meinung nach die Chance des Neubeginns: die Stunde der Gnade.
Vielleicht ist dieses Bild ja auch anwendbar auf unsere Kirche, die für nicht wenige auch so eine Art Haltestelle ist. Man kommt herein, setzt sich und ruht sich aus von der Hetze, der Zeitlosigkeit. Und wie an der Haltestelle sitzt der eine neben der anderen, jeder für sich. Und jeder ruht sich für sich selber aus. Und so verstreicht sie, die Stunde der Gnade, ist unwiederbringlich vorüber und mit ihr die Chance, die Welt zu verändern, den Neubeginn zu wagen. Die Stunde der Gnade …
7.11.2009, Br. Peter Reinl OSA
