ERKLÄRENSWERT
Gedanken zur wiedereröffneten Augustinerkirche in Würzburg

„Jetzt, mit Ihren Erklärungen, erschließen sich mir allmählich Kirchenraum und Kunst, und ich kann mich anders an die veränderte Augustinerkirche herantasten und gewöhnen. Aber es muss schon erklärt werden, ansonsten fühlt man sich hier erst einmal verloren.“ So oder ähnlich reagieren nicht wenige der inzwischen über 600 Besucher/innen unserer Kirche, die in den ersten beiden Wochen nach der Wiedereröffnung am 26.11.2011 das Angebot einer Kirchenführung angenommen haben. Und Recht haben sie. Die Hintergründe, die zum Umbau führten, der Raum und die darin neu beheimatete Kunst bedürfen der Erklärung und sind der Erklärung auch wert.

 

Die Hintergründe

... für den Umbau wurden im vorletzten Heft von augustiner.de (Nr. 33, Mai 2011) bereits dargelegt und sind eng damit verbunden, dass wir Augustiner hier in Würzburg unseren Kontext ernst nehmen wollen: als Bettelordensgemeinschaft (die auf das schauen darf, was dem Volk Gottes vor Ort noch mangelt) innerhalb der Dompfarrei (die wohl – im Unterschied zum Bettelorden – mehr die Gesamtheit der Gläubigen im Blick haben muss als Einzelne).

Das Raumkonzept: Orte für Einzelne ...

Der Kirchenraum ist heute vom elliptisch gestalteten Gottesdienstraum für Gemeinschaftsfeiern sowie vom ZwischenRaum unter der Empore und mindestens vier weiteren Orten für die persönliche Frömmigkeit bestimmt. Bei der Gestaltung dieser Orte ging es nicht zuletzt darum, Alt-Bekanntes in unserer Kirche erkennbar und damit das Gefühl von Heimat vermittelnd zu platzieren und zugleich Neues in den Kirchenraum einzubringen. Mit den beiden gleich im Eingangsbereich aufgehängten Marienbildern „Maria Trost“ und „Maria vom guten Rat“, die die Besucher unserer Kirche seit langem kennen, wollen wir Menschen die Möglichkeit bieten, auf die Schnelle in unserer Kirche vorbeizuschauen, eine Kerze anzuzünden, ein Gebet zu sprechen und in den (Arbeits-)
Alltag zurückzukehren. Beide Seitennischen gehören zum großen Angebot in unserer Kirche für die Individual-Frömmigkeit und sind in einer Reihe zu sehen mit der Kapelle der Schmerzhaften Muttergottes, die nun auch Sakramentskapelle ist, der Ritakapelle, bei der wir durch die Umgestaltung versuchten, die hl. Rita in Ihre Christusfrömmigkeit einzubetten,  sowie dem Chorraum mit seinem Chorgestühl, das durch die Augustinusfigur von Thomas Hildenbrand geprägt ist und –  je nach der Zeit im Kirchenjahr – durch das „Neue Jerusalem“ von Jacques Gassmann (Advents- und Weihnachtszeit, Fasten- und Osterzeit)  bzw. die „Seeschlacht von Lepanto“ von Johann Nicolaus Treu. Mit dem ZwischenRaum direkt im Anschluss an den Windfang wurde ein Ort geschaffen, an dem Menschen, die ihren Halt im Leben verloren haben, für sich sein können, ohne alleine  zu sein. Und an dem sie, durch das Entzünden einer Kerze, das Eintragen eines Namens ins Buch der Namen, durch die Teilnahme am Gottesdienstritual ZwischenRaum (jeden 2. Mittwoch im Monat um 17.00 Uhr) und die Möglichkeit eines Gesprächs im Gesprächsladen oder auch an der Klosterpforte die Chance ergreifen können, mit neuem Halt und gestärkt diesen ZwischenRaum allmählich wieder zu verlassen.

... und ein Ort für die Gemeinschaft

Der zentrale, als Ellipse gestaltete Gottesdienstraum, erscheint außerhalb der Gottesdienstzeiten eher streng und nüchtern. Er füllt sich allerdings, wenn sich das Volk Gottes um den Tisch des Wortes und des Brotes zu seinen Gottesdiensten versammelt, mit Leben und Wärme. Diese unterschiedliche Wahrnehmungsmöglichkeit des gleichen Raumes ist beabsichtigt und will die Sensibilität aller am Gottesdienst Mitfeiernden schärfen für das, was möglich wird, wenn sich das Gottesvolk versammelt und sich dankbar an Jesus von Nazareth erinnert.

Statuslosigkeit

Insbesondere der Gottesdienstraum im Hauptschiff verdeutlicht ein wesentliches mit dem Umbau verbundenes Ziel, nämlich spürbar werden zu lassen, dass Christinnen und Christen sich als „Nachfolgegemeinschaft von Gleichgestellten“ verstehen dürfen (oder gar müssen?), d. h. als Menschen zwischen denen es keine Statusunterschiede mehr gibt. Statuslosigkeit (bzw. Statusgleichheit) als wesentliches Merkmal frühchristlicher Gemeinden (vgl. z. B. Gal 3,28; 1Kor 11) fand in der Augustinerkirche mehrfach Ihren Niederschlag: So z. B. in der Tatsache, dass in der ganzen Kirche (das Chorgestühl ist hier inbegriffen) kein Platz mehr für jemanden aufgrund seines Status reserviert ist. Entsprechend wird man in der Kirche auch vergeblich nach einem Priestersitz suchen. Die mit einer Krone ausgestattete Madonna von Auvera (siehe vorherige Seite) „spielt“ ebenfalls mit dem Thema Status, steht die Königin doch zugleich als Frau aus dem Volk barfuß auf dem Cortenstahl. Auch die Darstellung unseres Ordensvaters Augustinus durch Thomas Hildenbrand passt bestens in die Überlegungen zur Statuslosigkeit, sitzt Augustinus doch als Mitbruder und ohne bischöfliche Insignien im Chorgestühl. Das ist naheliegend, ist er für uns Augustiner doch gerade deshalb bedeutsam, weil er mit Freunden in Gemeinschaft zusammenlebte und aus seiner Reflexion über das Zusammenleben eine Regel entstand, die heute auch Grundlage unseres Zusammenlebens ist. Das Altarbild „Neues Jerusalem“ von Jacques Gassmann unterstreicht das gleiche Anliegen, alleine schon durch den in Farbe umgesetzten Text aus der Apokalypse (Apk 21f). Denn dort werden Gold, Edelsteine und Perlen, Materialien also, die ursprünglich zum Darstellen des eigenen Ranges und Status verwendet wurden, als Baumaterial für diese neue und sehr konkrete Stadt verwendet und haben entsprechend ihre Bedeutung als Statusmarker verloren.

Erklärenswert

Es ist zweifellos richtig, wenn Menschen darauf hinweisen, dass die umgestaltete Augustinerkirche, ihr Raumkonzept und ihre Kunst (auf die ich im nächsten augustiner.de zu sprechen kommen werde) erklärt werden müssen. Nur: Gilt das einzig für die Augustinerkirche? Muss und darf nicht jede Kirche und jede Kunst (egal aus welcher Epoche) erklärt werden? Wieso sollte eine tabernakelzentrierte Kirche mit Bankreihen und herausgehobenem Priestersitz nicht ebenso der Erklärung bedürfen? Und habe ich die „Seeschlacht von Lepanto“ tatsächlich bereits verstanden, wenn ich auf dem Bild Personen und Schlachtgetümmel erkenne? Ist etwas tatsächlich schon jeder Erklärungsnot enthoben, nur weil es mir vertraut erscheint?

Die neu gestaltete Augustinerkirche trägt derzeit zu vielen Diskussionen bei. Sie bringt Bewegung in Einzelne und auch in die Ortskirche. Sie ermöglicht wunderbare Gespräche und Auseinandersetzungen. Das ist mehr, als wir Augustiner je zu hoffen gewagt hätten.

Br. Peter Reinl OSA