Der Primat der Liebe

Liebe und wirkliche Glückseligkeit:
Ein Text von Tarsicius Jan van Bavel

Augustins Schriften beginnen mit der Frage, wie die Menschen die wahre Glückseligkeit finden könnten. Es gibt keinen Menschen, der nicht wünscht, glücklich zu sein. Verlangen hat mit Liebe zu tun, denn niemand verlangt nach etwas, was er nicht liebt. Liebe besteht darin, eins zu werden mit dem Objekt, das geliebt wird. Nur das immerwährende und unauslöschliche Gute kann uns wirklich glücklich machen, denn nur so ein Gut schließt jede Angst und jeden Verlust dessen, was geliebt wird, aus. Gott allein kann solche Glückseligkeit garantieren. Liebe vereint uns mit Gott als unserem ewigen, immerwährenden Gut, und lässt uns so teilhaben an Gottes Ewigkeit. Das geschieht nach dem Prinzip, dass ein Mensch das wird, was er liebt: »Lasse ihn die Erde lieben, er wird Erde werden; lasse ihn den ewigen Gott lieben, er wird in Gottes Ewigkeit eingehen.«

Nach Augustinus kann die gesamte Botschaft der Bibel auf die zwei Gebote der Gottesliebe und der Nächstenliebe verkürzt werden. Er schreibt: »Meine Hoffnung in den Namen Christi ist nicht steril, denn ich glaube nicht nur, mein Gott, dass von den beiden Geboten der Liebe das Gesetz und die Propheten abhängen, sondern ich habe auch erfahren, und ich erfahre es noch jeden Tag, dass nicht ein einziges geheimnisvolles oder schwieriges Wort der Schrift mir klar wird, solange ich es nicht mit diesen beiden Geboten betrachte.« Augustinus bleibt hierin der paulinischen Denklinie treu: Liebe ist die Erfüllung des Gesetzes (Röm 13,10) und: Liebe ist das Ziel der Unterweisung (1 Tim 1,5). Das Wort »Ziel« bedeutet nicht, dass die Liebe den Vorschriften ein Ende setzt oder sie abschafft, sondern Liebe ist die Vollendung, an der jedes Gebot gemessen werden sollte. Diese beiden Liebesgebote sind nicht nur für das Neue Testament charakteristisch, sondern auch für das Alte. Daraus folgt: Das Wort Christi »Ich gebe euch ein neues Gebot: Liebt einander, wie ich euch geliebt habe« (Joh 13,34) erneuert nicht nur die Apostel und uns, sondern auch alle Patriarchen, Propheten und Gerechten, die in der Zeit des ersten Bundes lebten.

Lieben mit der Liebe Gottes

Gott ist Liebe. Indem er sich als gut und erbarmungsvoll offenbart, offenbart sich Gott als Liebe. Daraus entsteht für uns ein Anreiz, eine Bitte und letztlich ein Gebot, die Menschen so zu lieben, wie Gott sie liebt. Die höchste Form der Liebe zu unseren Brüdern und Schwestern besteht darin, diese mit der Liebe Gottes zu lieben, die uns durch den Heiligen Geist geschenkt wurde. So ist unsere Liebe Teilhabe an der Liebe Gottes, die alle Menschen umfasst, sogar unsere Feinde. Unsere Liebe muss die Liebe Gottes spiegeln. Wenn Augustinus von Liebe spricht, meint er Liebe als ein göttliches Geschenk, die den menschlichen Willen mit einem neuen Verlangen ausstattet, einem Streben nach göttlicher Wahrheit, nach Weisheit, Frieden und Gerechtigkeit.

Mit einer solchen Liebe zu lieben, schließt alles aus, was sündhaft ist, nämlich egoistische oder einnehmende Gier, Stolz, Anmaßung, Selbstruhm oder -ehre, und dass man nur den eigenen Profit sucht. Der Tatsache, dass Liebe ein Geschenk Gottes ist, entspricht der Vorrang der Liebe zu Gott, denn er allein kann sich uns selbst geben. Er hat uns zuerst geliebt. Aber das gleiche Prinzip entspricht der Liebe zum Nächsten. Der Heilige Geist in uns entzündet uns ebenso, den Menschen neben uns zu lieben. Nach Augustinus reicht eine einfache natürliche Liebe nicht aus, denn dann könnten wir schnell Gott als unser höchstes Gut vernachlässigen. Die anderen wie uns selbst zu lieben bedeutet, dass er oder sie sein oder ihr Gut dort finden, wo wir selbst es finden, nämlich in Gott. Nur in diesem Licht können wir Augustins berühmten Ausspruch richtig verstehen: »Liebe, und tue, was du willst. Denn aus dieser Wurzel kann nur Gutes hervorgehen.« Liebe ist das schwierigste Gesetz, das wir haben; es meint niemals, dass wir frei seien zu tun, was uns gerade einfällt.

Sie können im folgenden mehr darüber erfahren: Der_Primat_der_Liebe.pdf - 445.22 KB

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