Erschließung der Sachgruppe »Pädagogik«

Mit vollständiger Förderung durch die »Sokratische Gesellschaft e.V.« wird von Januar bis Mai 2021 die Sachgruppe »Pädagogik« elektronisch erschlossen. Dieser Bestand steht in engem Bezug zur jahrhundertelangen pädagogischen Arbeit der Augustiner in Münnerstadt: Hier sind zum einen das von Fürstbischof Johann Philipp von Schönborn gegründete und von den Augustinern geleitete Gymnasium zu nennen, zum anderen die Klosterschule zur Ausbildung des Ordensnachwuchses sowie das Studienseminar St. Josef.
Mit Blick auf das Aufstellungskonzept der Gesamtbibliothek steht diese ›Lehrerbibliothek‹ folgerichtig zwischen der »Philosophie« und den klassischen bzw. modernen Sprachen, gefolgt von weiteren Schulfächern wie Geschichte, Geographie, Naturwissenschaften und Musik.
Die 32 Regalmeter, d.h. etwa 2.240 Bände umfassende Sachgruppe dokumentiert von der Mitte des 17. Jahrhunderts bis ins 20. Jahrhundert hinein verschiedene Konzepte der Pädagogik und ihre Umsetzung in die Praxis. Fokussiert werden dabei verschiedene Alters- und Entwicklungsstufen (vom Kleinkind bis zum Erwachsenen), verschiedene Bildungseinrichtungen (von der Dorfschule bis zur Universität), verschiedene Lebensformen ([angehende] Ordensleute und Kleriker, weltliche Personen, Berufs- und Arbeitswelt, Ehe und Familie) und geschlechtsspezifische Erziehung (u.a. weibliche Lehranstalten, ›höhere Töchter‹), zum Teil unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Verhältnisse von Stadt und Land. Der Schwerpunkt liegt jedoch auf der Erziehung männlicher Jugend während ihrer Gymnasialzeit.

Zum Bestand gehören etliche mehrbändige Darstellungen zur Geschichte der Pädagogik sowie Handbücher der Erziehungswissenschaft, zahlreiche diskursive Werke über Erziehungsmodelle, umfangreiche Literatur zum Schulwesen (Fächer, Lehrpläne, Methodik, Didaktik, Prüfungsordnungen, Schulrecht), sehr viele, z.T. lateinische moralphilosophische Schriften (häufig als sog. Exempla-Literatur), zahlreiche Werke zur religiösen Erziehung und zur Sittenlehre (darunter auch Aufklärungsliteratur), einige Ratgeber (›Benimm-Bücher‹), schließlich Lexika und Nachschlagewerke.
Hinzu kommt ein hoher Anteil an Kleinschriften (z.B. Schulreden bei öffentlichen Prüfungen und Preiseverleihungen, Rektoratsreden, Reden bei Universitätsfeiern, Festgaben katholischer Studentenvereine und Studentenkorporationen, Statuten und Satzungen, Schulordnungen), Dissertationen und Zeitschriften (u.a. Jahrbücher und Kalender). Eine große Gruppe von insgesamt 5 Regalmetern bilden die sog. Programme von mindestens 22 Studienanstalten in Bayern (ca. 2.400 Hefte).

Beachtung verdient die Erziehungsliteratur des 18. und frühen 19. Jahrhunderts: Diese gehört in den Kontext der reformpädagogischen Bewegung der Aufklärungszeit, die von führenden Pädagogen, darunter den sogenannten Philanthropen, getragen und teilweise in Modellschulen – z.B. in Dessau oder in Schnepfenthal (bei Gotha) – umgesetzt wurden. An der Münnerstädter Pädagogik-Literatur, vor allem an den Werken der Philanthropen Johann Bernhard Basedow, Joachim Heinrich Campe, Christian Gotthilf Salzmann, Friedrich Gabriel Resewitz und Friedrich Gedike, läßt sich ablesen, daß die Augustiner-Professoren für die neuen Konzepte zur Verbesserung des Schulsystems aufgeschlossen waren und diese – soweit sie nicht religions- oder kirchenfeindlich waren – in ihren Lehrinhalten und Unterrichtsmethoden umsetzten.
Als besonderes Element der Reformpädagogik gilt die »Sokratische Methode« (Mäeutik), die in der Pädagogik der Aufklärung eine neue Blüte erlebte und auch in Münnerstadt zum Einsatz kam.

Bearbeiterin:
Frau Natalia Simonyan